Freitag, 22. August 2014

15 Augusto (13-15)




Die letzten Tage waren so uebervoll von Eindruecken und Momentaufnahmen, die sich in meine Netzhaut gebrannt haben, dass ich bei bestem Willen nicht weiss, ob ich damit anfangen sollte, dass ich gerade von einem Hund in den Fuss gebissen wurde, ohne Fenster und warmes Wasser wohne, jetzt gleich in einem Raum mit 200 Liter Schnaps schlafe, vorhin einen ellenlangen Knochen in meiner Suppe gefunden oder dass ich gestern eine Katze gekuesst habe.
Chronologisch angefangen wachte ich erst bei der Ankunft in Bolivien innerlich aus einem mehrere Tage andauernden paralysierten Zustand  auf, der mich die letzten Tage in Berlin befallen hatte.
Ein heftiger Wind sauste durch den Raum und erst spaeter fiel mir auf, dass dies in einem Flughafenraum nicht der Fall sein duerfte. So wie alles in Santa Cruz ist aber auch gerade das Flughafengebauede am fertiggestelltwerden. Um 7 Uhr morgens kamen wir also in einen durch den Suedwind verursachten kleinen Sturm und die Lebendigkeit des Landes ergriff mich sofort. Ich wusste, dass ich in Bolivien war und sich hier einiges anders verhaelt.  Nach gefuehlten 2 Stunden langem Anstehen vor der Imigrationsbehoerde des Flughafens ging ich   durch den letzten Securitycheck  hinein in eine Menge indigener Bolivianer dessen Koepfe meinen Schritten folgten, was an meiner fuer Suedamerikaner ungewoehnlichen Statur und Haarfarbe liegen moege.  
Der Weg zur Erholungsstation nahm meine gesamtes Aufnahmevermoegen in Anspruch. Neben der Tatsache, dass wir irgendwie zwischen Koffern uns mindestens zu dritt auf eine Zweierbank des Mikros (kleine bolivientypische Omnibusse) stapeln mussten, schraenkte die teilsweis nicht komplett ausgebaute Strecke sowie die staendig mitten auf der Strasse anhaltendes Mikros den Fahrquomfort ziemlich ein.
Santa Cruz ist eine von Amut gezeichnete Stadt , die sich einerseits im steten Umbau und Wandel zu befinden scheint, andererseits sind auch die Spuren einer rapiden Entwicklung zu erkennen und der Kontrast zwischen nigelnagelneuen Malls neben den allgegenwaertigen Strassenstaenden, die Saft pressen, Burger, Popcorn, Eis und so ziemlich alles verkaufen, hinterlaesst mich verwirrt  und etwas ueberfordert.
Veronika, die letztes Jahr und immernoch in meinem Projekt Arterias Urbanas arbeitet, lebt auch in der gleichen Gastfamilie wie ich. Durch sie war ich in der Lage auch ohne Spanischkenntnisse die wichtigsten Dinge zu regeln und erfragen. Mein Fenster hat keine Glasscheibe lediglich ein Mueckennetz und mein Schrank ist kein wirklicher Schrank. Im Innenhof befindet sich die ueberdachte Kueche, zu der sowohl ich als auch das 70 Jaehrige Ehepaar, deren beiden Toechter mit jeweils ihren Kindern immer froh umherwuseln. Olga ist eine muetterliche Dame, die Urspruenge in Japan hat, ihr Ehemann kann ein wenig deutsch, englisch, italienisch und ein wenig japanisch. Obwohl der Wortschatz in allen vier Sprachen kaum ueber 50 Woerter reicht, bezeichnet er sich stolz als „Sprachprofessor“. 
Die Toechter arbeiten viel,  so dass der 5jaehrige Alexandro und seine dreijaehrige Nichte fast den ganzen Tag vor dem Fernsehr verbringen. Ab und zu suchen sie auch meine Aufmerksamkeit zu erlangen und reden mit mir auf spanisch, wobei mein Teil im „Si“ sagen und Nicken besteht. Vielleicht denken sie, ich verstehe, was sie sagen. Meine grosse Liebe ist der Kater Chenin, eine sehr aufdringliche japanische Rasse. Niemand scheint ihn zu streicheln, deshalb haengt er sich an mich sobald ich in der Naehe bin.
Seitdem mein Gastvater mich auf dem Boden der Kueche und Chenin auf meiner Brust,  Nase an nNase liegend sah, lacht er sobald er mich sieht. Da der Familie nichts an ihm liegt und er lediglich Ratten fangen soll, plane ich ihn unauffaellig mit einem anderen Kater zu tauschen und nach Deutschland mitzunehmen. Abends holte mich mein Grossonkel Otto mit seiner Frau Magaly zum Essen ab, es gab delikaten Krokodilschwanz und diverses Gemuese, von dem ich nicht wusste, dass es existiert. Der Nachtisch bestand aus Platano(bananen) die mit Schnaps uebergossen in Flammen stehend serviert wurden. Alles etwas uebertrieben, wie ich fand, aber als sich die Rechnung dann auf insgesamt 24 Euro belief, ueberdachte ich meine Meinung nochmal. Ein durchaus saettigendes Mittagessen in den allgegenwaertigen Strassenstaenden kostet hier ca 1 Euro und besteht hauptsaechlich aus Fleisch und Reis. Mir wurde abgeraten, die dort angebotenen Waren zu verspiesen, aber wenn die Leute hier es tun, wird es schon nicht so schlimm sein. Da sie sich unuebertrieben an jeder Ecke befinden, werde ich hier wohl oder uebel dick werden.
Bevor wir gestern, dem 14. August durch einen Transmitidateur unsere Visasachen regelten, kaufte ich mir zum Beispiel einen kleinen Burger fuer 25 cent zum fruehstueck. Der Tag ist mittlerweile nurnoch verschwommen in meiner Erinnerung, da wir von Amt zu Amt rasten. Da es nur 5 Pleatze im Auto gab, mussten 6 Leute auf der Ladeflaeche sitzen. Wir wurden viel angehupt, da es wenig hellaheutige Menschen hier gibt und noch seltener auf einem Haufen. Vielleicht lag es daran, dass von den 6 Personen 5 Maedchen waren.  Als wir an einer der wenigen roten Ampeln standen, rannte ein Mann  sogar ueber die Strasse zu uns und schuettelte uns die Hand. Mit meinem Mitfreiwilligem Marvin ging ich ueber einen grossen Markt, der ein verwirrendes Spektakel bietet. Er ist absolut unueberschaubar und strotzt vor Armut. In manchen Laeden habe ich mich recht geschaemt, nichts zu kaufen, da die Verkauefer ueberfreundlich auf uns einredeten und wir sie stets mit entaeuschter Miene zurueckliessen. In dem besonders von Armut gezeichneten Teil des Marktes wurde uns dann sogar das Lachen unangenehm, da es einem Ort wie diesem nicht angemessen zu sein schien. Trotz der allgegenwaertigen Armut war aber keineswegs Verzweiflung oder ein Hadern mit dem eigenen Schicksal zu verspueren. Es gibt auch wenig Spuren von Agressivitaet und Kriminalitaet, was mich sehr verwundert. Insgesamt laeuft das Leben hier langsamer und laessiger ab.
Abends ging ich mit Veronika und ihrer Freundin in eine Bar. Sie befand sich im Zentrum hinter einer Tuer, an die man anklopfte und die 2 Minuten spaeter geoeffnet wurde. Es eroeffnete sich uns ein Innenhof voller Palmen und das einzige Licht wurde von vereinzelnten Feuerschalen und Fackeln gespendet. Obwohl man nicht viel sah, hatte diese Bar eine sehr spezielle Atmosphaere. Traurig musste ich erkennen, dass die Alkohopreise das einzige hier sind, was den Preisen in Deutschland in Ansaetzen nahekommt. Die 20 Minuetige Fahrt zurueck mit einem betrunkenen Taxifahrer kostete laeppische 2 Euro. Die Nacht war kalt und ich fror, da mein Zimmer kein Fenster besitzt und die Decke eher ein Laken ist. Dafuer habe ich heute morgen meinen kleinen Mitbewohner, einen kecken Gecko kennengelernt.
Marvin, Veronika und ich fuhren heute gemeinsam zum Projekt, wobei ich mir im Mikro zum 4ten Mal den Kopf stiess, da sie auf ein kleines Volk abgepasst sind.
Nach 5minuetigem Fussweg durch ein heruntergekommenes Viertel betraten wir einen Hof, der dem Namen Arterias Urbanas gerecht wurde. Die Waende sind mit Graffiti besprueht, es sind meist bizarre Wesen abgebildet. Auf einem kleinen Amphiethaeter befinden sich unzaehlige Leinwaende und von dem grossen Akazienbaum haengen 2 selbstgemachte stuehe aus Metall. Zudem ein paar Holzschnitzerein und andersweitige Metallgerippe. Der Ort sprueht vor Kreativitaet und Marvin und ich verfielen sofort in das angeregte Diskutieren, welche Moeglichkeiten uns dieser Ort bietet. Es gibt auch einen Grossen Raum, der als Atelier und Abstellraum dient. Zudem befindet sich eine BMX-Rampe in der Mitte des Hofes der Kindern als Rutsche dient. Wir lernten auch Adolfo kennen, ein charismatischer Bolivianer, der unglaublcih viel lacht und beim Laufen manchmal anfaengt zu huepfen. Selten habe ich jemanden auf Anhieb als so sympathisch empfunden. Er schient die treibende Kraft hinter Arterias Urbanas zu sein und soll auch der einzige sein, der keine Drogen konsumiert. Das Projekt ist auf freiwilliger Basis und finanziert sich durch Kunstevents und Partys.
Als ich einem Bolivianer auf der Strasse den Namen meines Projektes nannte, sagte dieser nur: „Ohhhhhh, Arterias!“
Im Laufe der naechsten Monate werde ich wohl herausfinden, was dies zu bedeuten hatte.
Es scheint sich jedenfalls um ein ziemlich freies Projekt zu handeln, bei dem man sich selbst um seine Arbeit und Aufgaben kuemmern muss und sein Glueck selbst in der Hand hat. Marvin und ich planen unseren ersten Kunstkurs fuer Kinder, sobald sich meine Spanischkenntnisse etwas verbessert haben.
Fuers Wochenende bin ich zu Otto gezogen. In einem der aussersten Bezirke offenbarte sich mir vorhin hinter einer Mauer ein Haus mit einem Garten, der der Umgebung nicht angemessen, aber umso paradiesischer ist. Ueberall laufen Huehner (eine Kampfhuhnrasse, deren Haehne einen hohen Wert aufgrund ihrer Strassenkampftauglichkeit haben) herum , in deren Faekalian man auch ab und zu tritt. Das Haus weist viel exotisches Holz im Rohzustand sowie Steine als Gestaltungmittel auf und man kann es getrost als Villa bezeichnen. Otto lebt hier seit 4 Jahren und seine Frau Magaly ist eine aeusserst herzliche und zuvorkommende Frau. Im Gegensatz zur Gastfamilie hat Otto sogar eine Waschmaschiene, die auch von der Haushaelterin bedient wird. Otto scheint hier das Leben eines Kolonialherren zu fuehren, wenn auch bescheidener und integrierter. Auch sein groesseres Grundstueck ausserhalb der Stadt wird von einem Mann namens Jose verwaltet und es gibt noch Anderson, der fuer viele andere Aufgaben, wie Reperaturen und Bauarbeiten und allgemeiner Hilfe dienlich ist. Andersons Familie lebt unter widrigen Bedingungen, aber selten habe ich eine so herzliche und gluecklich scheinende Familie kennengelernt. Sie muessen mit nichteinmal 300 Euro im Monat auskommen, dabei haben sie drei Kinder. Soviel Geld steht mir im Monat zur Verfuegung . Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. In naechster Zeit werde ich sie mal besuchen und einen Zeichenblock und Stifte mitbringen. Der aelteste Sohn kann aussergewohnlich gut Tiere zeichnen, hat aber nur eine Tafel zur Verfuegung. Sobald mein Zeichenkurs anfaengt wird er daran teilnehmen.
Der Kontrast zwischen diesen beiden Wohnorten koennte kaum enormer sein.

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